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Bibliografische Information - SVZ 86
Brot - Olivenöl - Kichererbsen. Eine Studie zur 'Lebensqualität' der Unterschichten im Spanien Karls III.
(ergänzt durch Beitrag Trudl Wohlfeil: Brotdarstellungen in der spanischen Kunst der frühen Neuzeit), in: Quantität und Struktur. Festschrift für Kersten Krüger zum 60. Geburtstag, hg. von Werner Buchholz und Stefan Kroll, Universität Rostock 1999, S. 210 - 251 (bzw. S. 253ff.).

Prof.em.Dr.Rainer Wohlfeil

Brot – Olivenöl - Kichererbsen

Eine Studie zur „Lebensqualität“ der Unterschichten im Spanien Karls III.


König Karl III. (1759 - 1788) gilt als aufgeklärter Monarch. Mit dem Begriff Aufklärung wird gemeinhin die Vorstellung verknüpft, daß der aufgeklärte Landesherr auch die Lebensbedin­gungen seiner Untertanen verbes­serte oder zumindest zu reformieren anstrebte. Gab es eine derar­tige Zielsetzung? Sah sich die Reformpolitik der absolu­tistischen bourbonischen Herr­scher Spaniens im 18. Jahrhundert und be­sonders Karls III. und seiner maßgeblichen Mitar­beiter im Rahmen ihrer Umgestaltung und Mo­dernisie­rung von Staat, Wirtschaft und Gesell­schaft vor eine solche zentrale Aufgabe gestellt? Wurde sie zu lösen angestrebt oder war sie zu­mindest in der Reformpolitik mitan­gelegt? Daß allen Spaniern ein Zustand des Glücks be­schert werden könne, wagten nur we­nige zeitgenössische Autoren anzunehmen. Für die über­wiegende Mehrzahl der An­hänger der Aufklärung standen die Fortschritte in Sa­chen Ver­nunft, Wissen­schaft und Wirt­schaft im Zentrum ihrer Bemühungen1. Gegenwärtig wird in der deutsch­sprachigen Litera­tur die Frage von Horst Pietschmann in seiner hervorragen­den, den neuesten Forschungsstand verarbei­tenden, jedoch sehr knappen Dar­stellung der Reform­politik des auf­geklärten Absolu­tismus2 - ebenso wie zuvor von Hartmut Heine3 - nur indirekt beantwortet. Auch Hans-Otto Kleinmann geht auf sie wenig ein4. Die spanische Literatur im Kontext des Jubilä­umsjah­res 1988 hat der Frage kaum nachgespürt5. Sie wurde nicht ein­mal von den Autoren eines Sammelbandes mit kritischer Betrachtungsweise als zentrale Aufgabe gesehen6.

Pietschmann zeigt auf, daß vor allem militärische Reformen, außenpoliti­sche Ver­wicklungen und Kriege die ökonomischen Ressourcen der Monarchie so überforderten, daß der Staat in eine zunehmende Verschuldung geriet. Sie gefährdete seine politische Handlungsfähigkeit. Die Ausga­ben für Hof und Verwaltung traten hinzu.

Aussa­gen auf der Makroebene sind wichtig. Auf eine Mikro­ebene begibt sich die nachfol­gende Studie. Sie sucht Daten über Löhne und Einkommen, über Er­zeuger- und Klein­han­delspreise zu ermitteln, um sich von einem derartigen Ansatz her an Aussagen anzunähern über die materielle Lebensführung jener Menschen, auf deren Arbeit und finan­ziellen Lei­stungen die ‚Lebensqualität‘ von König und Hof, hohem Klerus und Hochadel so­wie der Spitzenkräfte im wirtschaftlichen Leben beruhte. Wurde diesen Erbringern von Steu­ern und Abgaben auch ‚Lebensqualität‘ zugestanden? Wie sah sie ge­gebenen­falls aus? Wurde ange­strebt, sie zu heben? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese zentrale Frage werden aus­gewählte, in ei­nem Arbeitsver­hältnis le­bende soziale Gruppen der Unter­schichten in jener mehr als 90 Pro­zent umfas­sen­den, demo­graphisch wach­senden, gesellschaftlich stark hetero­genen Bevölke­rung7 untersucht, die dem estado llano, dem nicht privilegier­ten ‚Ge­meinen Mann‘, zuge­rech­net wur­den8. Ihre wirt­schaftlichen Le­bensbedin­gungen stehen im Mittelpunkt der historischen Analyse, nicht die der staat­lich legitimierten Armen (pobres de solemnidad) - jener Men­schen, die Ar­menrecht genossen9. Die ‚anerkannten Armen‘ waren ebenso wie die professionellen Bettler ein Dis­kussionspunkt un­ter Aufklärern, die sich kri­tisch mit den über­lieferten Formen der Armenver­sorgung ausein­ander­setzten, an die Stelle kirchlich organisier­ter Wohltätigkeit Selbstversor­gung über Arbeit stellen wollten10. Auch nicht einbezogen wer­den die Haus- oder ‚ver­schämten‘ Ar­men (pobres ver­gonzantes) und die Witwen und Wai­sen11. Ebenso unbe­rück­sichtigt blei­ben die ‚Unterschichten‘ des geistlichen Standes12.

Die Studie kann infolge der regionalen, sehr unterschiedlichen Sozial- und Wirt­schafts­struk­tu­ren im Spanien des 18. Jahrhunderts13 und des Mangels an einschlä­gi­gen Arbei­ten14 nur einen ersten Einstieg in die Thematik bieten und nur bedingt gene­relle Aussagen vorle­gen. Die Daten entstam­men vornehmlich Materialien aus der Hauptstadt Spaniens mit ihrem neu- und altkastilischen Umfeld und aus dem anda­lusischen Königreich bzw. der Provinz Granada der Krone Kastilien mit For­schungsschwerpunkt in Málaga. Andalusien wurde gewählt, weil diese Region mit 20,4 Prozent zum spanischen Staatshaus­halt beitrug und damit vor den ame­rika­nischen Besit­zungen mit 20,3 Prozent lag15. Zugleich blieb Andalusien im Untersu­chungszeitraum von schwerwiegenden Ereignissen wie Epidemien oder Erdbeben verschont. Die Ent­scheidung zu­gunsten der Hafen- und Handelsstadt Málaga ergab sich aus persönlichen Forschungsbedin­gungen. Für die Wahl des Untersuchungszeitraums sprach auch, daß im Ab­lauf der Regie­rungszeit Karls III. mit Einschränkungen zeitgemäß normale Lebensbedingun­gen gegeben waren, wäh­rend ab etwa 1787 eine so starke Preisinflation einsetzte, daß von an­omalen Verhältnissen ge­sprochen werden muß.

Eine Grundlage jeder neuzeitlichen Staatswirtschaft ist das Währungssystem. Mit ihm und dessen Zahlungsmit­teln – bis 1780/82 nur Münzen, deren Ausgabe wesentlich von den hispa­noamerikanischen Edelmetallieferungen abhing - befaßt sich in gebotener Kürze ein erster Teil (I), abgeschlossen mit einem tabellarischen Überblick zu Maßen und Gewichten im Raum Madrid. Auf die Grundla­gen der spanischen Ernährung im 18. Jahrhundert geht ein zweiter Teil ein (II). Es schließt sich ein dritter Teil an, in dem die Quellenlage zur Frage nach der Lohn- und Ein­kom­mens­struktur unterer Schichten des estado llano und nach deren finan­ziellem Spielraum zur Le­bensge­stal­tung knapp reflektiert wird (III). Erkenntnisse aus der Analyse der Daten wer­den zuerst ver­deutlicht am Beispiel von Málaga (IV), danach an Ma­drid (V). Abschließend wird eine Ant­wort zu den leitenden Erkennt­nisin­teressen einzubringen versucht (VI).

I

Das kastilische Währungssystem der frühen Neuzeit beruhte auf seiner grundlegenden Re­form durch die Katholi­schen Könige, Isabella I. (1451-1504) und Ferdinand V. von Kastilien (1452-1516; als König von Aragón Ferdi­nand II.)16. Der Wandel im Münzwesen setzte an bei den Goldmünzen. Unter Karl III. gab es fünf Wertstufen - die Münzen zu 8 escudos - die ‚onza‘, seit 1733 auch peso duro de oro und international quadrupel genannt -, zu 4 escu­dos, zu 2 escudos - auch als doblon, dublone oder Pistole bezeichnet -, zu 1 escudo und zu ½ escudo. Der escudo de oro zu 20 reales trug auch die Bezeichnung veintén. Die Pistole mit ursprünglich 6.20 Gramm Goldgehalt wurde seit dem 17. Jahr­hundert zu einer Welthan­dels­münze.

Das neue Währungssystem wurde vor allem mit der Ordnung der Silbermünzen durch den Erlaß der Katholischen Könige vom 13. Juni 1497 aus Me­dina del Campo begründet. Diese Münzordnung trug Spanien eine füh­rende Rolle auf dem monetä­ren Felde in Europa ein - be­son­ders im Mittelmeerhandel. Davon unbe­rührt blieben die 'Scheidemünzen', beson­ders der maravedí. Entstanden im Mittelalter als ka­sti­lische Nachahmung einer Prägung der Almora­vi­den wurde der maravedí zur grundle­gen­den Rechenein­heit bestimmt, blieb aber zugleich kupferne Scheide­münze mit mehreren Wert­stu­fen. Maravedíes waren die Geldstücke, mit denen die ein­fachen Menschen täglich und am meisten zu tun hatten. Neben der Münze zu einem maravedí gab es als weitere Scheidemünzen Stücke zu 8 maravedíes - den ochote -, zu 4 maravedíes - den cuarto -, und zu 2 maravedíes - den ochavo.

Der Erlaß von 1497 hatte die kleinste Silbermünze, den real de plata, auf ein Gewicht von 3,24 Gramm bei einem Fein­gehalt von 93 % Silber und 7 % Kupfer festgelegt17. Diesem real entsprachen 34 maravedíes. Der gesetzliche Feingehalt an Silber wurde später mehrfach ge­mindert. Ausgegeben wurden im 18. Jahr­hun­dert Münzen zu ½ und zu 1 real , zu 2, zu 4 und zu 8 reales, in Amerika auch zu ¼ real. Zentrale Be­deutung erlangte die höchstwertige Silber­münze, die 8 reales wert war. Bezeichnet wurde sie als real de a ocho, peso, peso fuerte, duro oder spanischer Piaster. Als duro wird im gegenwärtigen Sprachgebrauch die Münze zu 5 pe­setas bezeichnet – ein monetäres Beispiel für den qualitativen Wandel eines Begriffs.

Die Neu­ord­nung selbst wurde, obgleich sie eigentlich nur für die sieben Münzstätten der Krone Kastili­en galt, zur Grund­lage des mone­tä­ren Systems in Spanien unter den habs­bur­gischen und bourboni­schen Königen, auch wenn es bis ins 18.Jahrhundert hinein in Spanien kein einheitliches Münz- und Rechengeldsystem gab, die Kup­ferprägungen eingeschlossen. Unter dem ersten bourbonischen König Philipp V. (1700-1746) erzwangen die hohen Kriegs­kosten Ein­griffe in die Währungsgrundlagen18. Obgleich in Münzstätten des Mutterlandes und der über­seeischen Besitzungen ausgegebene Münzen im ge­samten Herrschaftsbereich des spani­schen Königs gleichberechtigte Zahlungs­mittel waren, führte die schlechte Präge­quali­tät der kolonialen Münzstätten19 bis in die Herrschaftszeit Karls III. zwangsläufig dazu, daß deren Produkte im Mutterland umgeprägt wurden. Erst die Münzreformen des 18. Jahr­hun­derts führten zu jenen Prä­gungen, die besonders über den ‚Zwei-Säulen-Taler‘ den peso zur Welt­handelsmünze werden ließen20.

Unter Ferdinand VI. (1746-1759) gab es nur geringfügige Eingriffe in das Münzwesen21. Erst unter Karl III. kam es aus dem fiskalischen Grund, dem Staat zusätzliche Einnahmen zu ver­schaffen, zu größeren Maßnahmen22. Die Veränderungen setzten 1771 in den überseeischen Besitzungen ein, das Mut­terland folgte 1772. Sie waren verbunden mit ge­heimgehaltenen Ab­wertungen. Für das Mut­terland setzte die Pragmática vom 29. Mai 1772 die Ein­füh­rung eines neuen Münzbildes fest, verbunden mit Absen­kung des Feingehal­tes beim Sil­ber­geld auf 90,3 Pro­zent und bei Gold­münzen bis 1786 anstatt bisher 22 Karat auf 21 ¾ Ka­rat, d. h. auf 90,1 Prozent Edelmetal­lanteil; von 1786 bis 1848 enthielten sie nur noch 21 Karat23.

Goldmünzen wa­ren im Mut­terland und in den überseeischen Besitzungen gleichwertig, wur­den jedoch in Spa­nien und Amerika im Ver­hält­nis zu den Silbermünzen verschieden bewertet. Die Absenkung des Feingehaltes der Gold­mün­zen dürfte ohne größere Aus­wir­kung auf die Lebenshaltungskosten der Unterschichten gewesen sein, folgenreicher war die Abwertung der Silber­münzen. Die Eingriffe von 1772 erbrachten beim real einen Wertverlust um 1,52 Pro­zent ein, ab 1787 betrug er sogar 3 Prozent24. Unberücksichtigt blei­ben können die seit 1780 ausgegebenen vales reales – Schuld­verschrei­bungen mit Annah­me­zwang – und die ersten Banknoten der 1782 gegründe­ten ‚Banco de San Carlos‘25.

Die Unterschichten benutzten im täglichen Zahlungsverkehr vor allem folgende Münzen:

maravedí (Werte: ochavo, cuarto, ochote), real de plata (Werte zu ½, 1, 2, 4 und 8 reales)26.

51 maravedíes = 1 real de plata = 1 ½ reales de vellón

Bei der Veranlagung zu Steuern und Abgaben, beim Abschluß von Verträgen und Handels­geschäften arbeitete Spanien im Zeitalter Karls III. mit ungeprägtem Rechengeld - der moneda imaginaria de vellón. Rechengeldeinheiten waren mit Zentrum im real de vellón:

maravedí de vellón, real de vellón, escudo de vellón, ducado de vellón, peso de vellón

Das Rechengeld, wertmäßig ausgerichtet am Silberwert, erschien stabiler. Der real de vellón verlor aber unter Karl III. infolge der Verringerung des Silberan­teils im real provincial auch an Wert - insgesamt 13 Prozent. Zwischen 1772 und 1785 entsprachen dem maravedí de vellón 0,03570 Gramm reinen Silbers.

34 maravedíes de vellón = 1 real de vellón
340 maravedíes de vellón bzw. 10 reales de vellón = escudo de vellón
375 maravedíes de vellón = 1 ducado
512 maravedíes de vellón = 1 peso de vellón

Gewichts- und Volumenmaße
quintal = 46,014 Kilogramm = 4 arrobas = 100 libras
arroba
27 = 11,502 Kilogramm = 25 libras
libra
28 = 460 Gramm
fanega
29 = 55,34 Liter



II

Im Mittelpunkt der Lebenshaltungskosten standen die Ausgaben für die Ernährung. Sie war auch im 18. Jahrhundert gekennzeichnet durch eine überkommene Genüg­samkeit30. Die tägli­chen Speisen der Spanier beruhten auf wenigen agrarischen Produkten31.

Zentrales Nahrungsmittel war der Weizen, gegessen vornehmlich als Brot, verkauft norma­lerweise als pan grande mit einem Gewicht von zwei libras. Weizen wurde auch als Mehl zum Kochen einer Speise verwandt, die mit Wasser, Salz und Olivenöl bereitet wurde – eines Breies, der noch gegenwärtig unter der Bezeichnung gacha verzehrt wird. Ein weiteres Ge­richt waren migas – eine Speise aus Weizenmehl- oder Brotkrumen, die mit Öl, Knoblauch und eventuell auch spanischem Pfeffer gebra­ten wur­den.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wur­den zwei von der Bo­denqualität abhängige Sorten Weizen unter­schie­den – der trigo alhaga und der trigo marzal, auch marcial oder valenciano genannt32. Die Sorten diffe­rierten im Preis. Beispielsweise kostete in Miranda de Ebro 1752 die fanegatrigo alaga‘ 18, die fanegatrigo balen­ziano o marzial‘ 16 reales. Die Gemeinde Atienza in der Provinz Guadalajara unter­schied zwischen einem trigo puro, auch trigo comun genannt, zu 15 reales für die fanega, und dem trigo cente­noso zu 13 reales33. Bei letz­terem han­delte es sich um eine Mi­schung zweier Sor­ten, die schon vor der Aus­saat hergestellt wurde. Aus ihrem Mehl wurde ein Brot gebacken, das die Bezeichnung pan cente­noso führte34.

Das Olivenöl deckte den Fettbedarf. In seiner Qualität läßt es sich nicht mit den heutigen Speiseölen vergleichen. Es wurde von den Reisenden aus dem nördlichen Europa mit den in Spanien weitgehend nicht verwendeten tierischen Speisefetten wie Schmalz und Butter35 als ihnen vertrauten verglichen und auf dieser Grundlage nicht nur negativ bewertet, sondern sogar verabscheut: Dem Olivenöl eignete nach ihren Urteilen ein unangenehmer Geruch, und es schmeckte ran­zig36. Daran hatten offensichtlich auch einschlägige Verordnun­gen nichts ändern können37. Diese Bewertung erscheint nicht ungerechtfertigt, weil die Oliven durch Insekten verunreinigt und mit überlieferten groben Preßverfahren bearbei­tet wurden, die das Öl fermentierten und ranzig werden ließen. Erst im 19.Jahrhundert ist die Fabri­kation des Oli­venöls ent­scheidend verbes­sert worden38. Den Reisenden befremdete auch, daß das gleiche Öl zum Tun­ken des Brotes, zum Kochen und gegebenenfalls Braten, zur Salatzubereitung und als Brennstoff in den Lam­pen verwen­det wurde.

Als tägliche warme Mahlzeit aßen die Madrider den cocido madrileño39. Seinen zentralen Nahrungswert be­saß er in der Kichererbse. Die garbanzos bildeten neben Brot und Olivenöl die Basis der Er­näh­rung. Die harten Kichererbsen – als König der Hülsenfrüchte apostro­phiert40 - wurden in Wasser gekocht unter Zusatz von Olivenöl, Salz, Knoblauch und Essig sowie angereichert mit Fleisch, entspre­chend den Möglich­keiten des Haushaltsgeldes. Das Fleisch stammte vornehm­lich vom Schwein, vielfach nur in Form eines Stückchens Speck. Die Position des ‚typisch‘ mediterranen Fleischgericht nahm jedoch Hammel­fleisch ein41. Ne­ben dem cocido standen auch Zwiebel- und Knoblauchsuppen auf dem Speise­plan, zumal Knoblauch nicht nur der Ge­schmacksverbesserung diente, sondern ihm zusammen mit dem Olivenöl eine religiöse Be­deutung, ein vergangenheitsbezogener sa­bor religioso, zugespro­chen wurde42.

Der Bedarf an proteinhaltiger Nahrung konnte in Küstengebieten auch über den Verzehr von Fisch gestillt werden, im Binnenland während der Fastenzeit meist als Stockfisch. Als Fasten­speise dienten auch Eier und eventuell Käse, während Milch kaum eine Rolle spielte.

Der Verbrauch an weiteren Hülsenfrüchten wie dicke und grüne Bohnen sowie Linsen, an Reis und Mais, an Gemüse und an Obst war an die regionale Erzeugung gebunden. Als Obst gab es in Ma­drid vor allem Äpfel, in Málaga Weintrauben, Apfelsinen und Feigen, die vor­nehmlich getrocknet gegessen wurden..

Als Getränk diente angesichts des häufigen Mangels oder der teilweise schlechten Qualität des Wassers43 Wein, vielfach mit Wasser gemischt. Bier44 war kein Lebensmittel, wurde hauptsächlich nur im Sommer in der Form von agua de cebada (Gerstenwasser) als ambulant verkauf­tes Erfrischungsgetränk45 getrunken.

Im Zusammenhang mit selbst bescheidener Ernährung wurden Brennstoffe zum Kochen be­nötigt, deren Bezug ebenso wie die Ausgaben für Seife in die Kosten der Haushaltsführung eingingen. In Madrid wurden außerdem während des kalten Winters Brennmaterialien für eine Wär­mepfanne, den brasero, notwendig – ein Bedarf, den es im warmen Málaga nicht gab. Als weitere Aus­gaben zur Lebenshaltung sind die Kosten für unumgänglich erforderliche Bekleidungs­stücke aus Leinen, Tuch und Korduan zu berücksichtigen.

Zusammenfassend ist festzuhalten wichtig: Auch in Haushalten, die sich ausreichend mit den Grundnahrungsmitteln Weizen bzw. Brot, Olivenöl, Kichererbsen, Fleisch, Gemüse und Obst, Fisch und Eiern sowie Wein versorgen konnten, war Monotonie in der Er­nährung zeitty­pisch46.

Über ihr Brot als Hauptnahrungsmittel haben sich die Zeitgenossen nur wenig geäußert, denn Gewicht und Formen zählten in Überlieferung und Weitergabe zu den Selbstverständlichkei­ten des Alltags. Hinweise vermitteln können Bilder aus der frühen Neuzeit47. Aktenkundig wurden Proteste infolge Brot­preiserhö­hungen48.

Im 18. Jahrhundert gab es das Brot in drei Qualitätssorten, historisch am besten analysiert anhand des Beispiels von Madrid49 - Erkenntnisse, die mit Einschränkung wohl übertragbar sind auf an­dere Gemeinden. Aus Weizenmehl bester Qualität wurden vor allem das am mei­sten aus die­ser Gruppe nachgefragte pan candeal (Weißbrot) und das pan frances (französi­sches Brot) ge­backen. Eine fanega Weizen ergab 40 – 41 candeales50. Zweiter Qualität war das pan español (spanisches Brot). Von dieser Sorte wurden aus einer fanega Weizen 42 Brote gebac­ken. Au­ßerdem gab es das etwas preiswertere pan comun de dos libras (Normal­brot von zwei Pfund), schlichtweg als pan grande bezeichnet. Hier erbrachte die fa­nega 43 ½ Brote. Von geringster Qualität war das pan de morenas (sog. Schwarzbrot), ur­sprünglich als pan de cabu­zuela oder am zutreffendsten dann als pan de pobres (Armenbrot) bezeichnet. Es wurde aus den Mehl­rückständen der Mahlvorgänge für die anderen Brote ge­backen. Dieses Brot war seiner Form nach so gestaltet, daß es auch in Teilen an jene Men­schen abgegeben werden konnte, die ein ganzes Brot aus finanzieller Not nicht zu kaufen vermochten. Weitere Brot­sorten, besonders im Bereich der besten Qualität, können außer Acht gelassen werden.

Vom Markt verschwunden war das pan de registro, jenes Brot, das die umliegenden Ge­meinden an Madrid nach dessen Erhebung zur Hauptstadt täglich anzuliefern verpflichtet ge­wesen waren, denn seine Qualität hatte die Madrider veranlaßt, es nicht mehr nachzufragen. Im Zusammenhang mit dem motín de Esquilache ließ 1767 die Stadtverwaltung außerdem ein pan de villa (Stadtbrot) backen, das seiner Qualität nach zwischen dem pan español und dem pan de pobres lag.

Eine These besagt generell, der Madrider Markt habe Brot von besserer Qualität als in ande­ren Regionen Spaniens angeboten51. Nach statistischen Berechnungen eignete dieser Stadt ein höherer Brotverbrauch als allgemein in Spanien52. Als durchschnittlich normale Ta­gesra­tion pro Kopf galten in den Berechnungen des Madrider städtischen Getreidelagers für den Ein­kauf des Weizens eine libra Brot53.

III

Die Eingriffe in das Währungssystem unter dem letzten Habsburger Karl II. (1665-1700), beson­ders zwei Prag­máticas von 1686, hatten nach den verheerenden Folgen der Geldmani­pulationen unter Philipp III. (1598-1621) und besonders unter Philipp IV. (1621-1665) zur Geldwertstabilisierung beigetragen54. Sie wurde zunächst und grundsätzlich nach dem Dyna­stiewechsel fortgeführt und brachte trotz schleichender Inflation und Preisanstieg infolge des Spani­schen Erb­folgekrieges sowie Mißernten bei regional starken Unterschieden keine we­sentliche Änderung der Kauf­kraft und des Preisge­fü­ges, zumal sich nach Kriegsende das Wa­renangebot erhöhte und die Preise sanken.

Zur Geschichte der Preis- und Lohnentwicklung zwischen 1651 und 1800 ist grundlegend die Studie von Earl J. Hamilton: Preisindices hat er für vier Regionen – Neukastilien, Altkastilien - León, Andalusien und Valencia – ermittelt, seine spezifizierte Liste der Preise für bis zu 99 Waren enthält jedoch nur Aussagen zu einem Warenkorb in Neukastilien55. Auch beschrän­ken sich seine Lohndaten auf wenige Berufssparten und entstammen neukastilischen Quellen. Außer bei Hamilton liegen Daten zur Lohn- und Preisentwicklung und generell aus dem all­tägli­chen Le­ben der Unterschichten nur vereinzelt vor. Auflistungen, wie sie sich beispiels­weise bei Llopis Agelán56 zu dem auf und ab der Verkaufs­preise einzelner Klöster und Kir­chen für eine fanega Getreide zwischen 1712 und 1832 finden, sind aufschlußreich, zur Fra­gestellung aber kaum aussagekräftig.

Für die Jahrhundertmitte liegen als zentrale Quelle die Kataster vor, die unter Ferdinand VI. (1746-1759) der Marqués de la Ensenada für alle Ortschaften in den 22 Provinzen der Krone Kastilien erstellen ließ. Erhalten sind die Materialien von 15.724 Gemeinden57. Zum Ver­gleich ausgewählt wurden Málaga58 und Madrid. Daten zu Ma­drid enthalten vor allem die Arbeiten von Antonio Matilla Tascon, der Grupo ‘75 und von María F. Carbajo Isla59. Ergän­zend herangezogen wurden die Materialien zur Volkszählung von 1787 unter Floridablanca60 und von 1797 unter Godoy61. Insgesamt lebten in den Län­dern der Krone Kastilien gemäß der statisti­schen Zusammenstellung von Carasa Soto 6.569.354 Menschen, darunter 2.821.724 Frauen und Kinder, 313.242 Witwen, 230.935 Diener und Dienstmädchen, 29.494 Tagelöhner ohne festen Wohnsitz und 64.287 anerkannte Arme62. ‚Verschämte Arme‘ sind statistisch nicht erfaßt worden. Die Befra­gungen ermöglichen einen ersten Einblick in die wirtschaftli­chen Lebensbedingungen von Unterschichten in den Gemeinden, deren Kataster veröffent­licht sind63. Hinsichtlich ihrer Aussagekraft ist beson­ders bei den einkommens- und lohnbezo­genen Daten zu reflektieren, daß es sich um Angaben für die Steuer handelt. Diese sind meist in Form des Re­chen­gel­des fixiert worden64. Die hier ausgewählten Daten beschränken sich weit­gehend auf An­gehörige unte­rer Schichten und Sozial­gruppen des estado llano, soweit sie in einem Arbeitsver­hält­nis lebten – vor allem Ta­gelöhner, Hilfs­arbeiter, Bauern, Lehrlinge, Gesellen und Meister in Handwerken des täglichen Bedarfs.

Bei den Angaben zum Kataster wurde gemäß einer Instruktion zum Königlichen Dekret von 1749 für die personalbezogene Steuer von 120 Arbeitstagen bei Bauern und Landarbeitern, von 180 Arbeitstagen bei Handwerkern und von 240 Arbeitstagen bei Bediensteten ausgegan­gen65. Diese Vorgaben sind nicht als identisch mit den tatsächlich geleisteten jährlichen Ar­beitstagen anzusehen. Deren Zahl dürfte höher gewesen sein, jedoch lag das Arbeitsjahr weit unter 300 Ar­beitstagen, weil zu den Sonntagen unbezahlte staatliche und vor allem kirchliche Fest- und Feiertage sowie witte­rungsbedingte Ar­beits- und auch Krankheits­ausfälle hinzutra­ten66. Vom Arbeitslohn der Arbeitstage mußte der Lebensunterhalt eines Ka­lenderjahres be­stritten wer­den. Dabei ist davon auszugehen, daß das reale jährliche Einkommen durch­schnittlich höher gewe­sen sein wird als die Katasterdaten zur Steuerveranlagung. An den Ka­tasterdaten orientiert und Ergebnisse der nachfolgenden Untersuchung vorweggenommen wird als kritische Grenze der jährlichen Lebenshaltungskosten für Málaga eine Steuerveranla­gung von etwa 1.000 reales, für Madrid von unter 1.500 reales angesetzt. Die These gilt besonders dann, wenn der Steuerpflichtige eine Familie zu versorgen hatte, aber auch im Be­zug auf Lehrlinge und Gesellen, die im Betrieb vom Meister verköstigt wurden. Diese Perso­nen­gruppe wird nachfolgend unter die sozial-ökonomische Kategorie ‚Wirtschaftlich Schwa­che‘ subsumiert. Ihre Abgrenzung zur Kategorie ‚Armut‘ war unscharf und die Grenzen flie­ßend. In die Armut konnte der wirtschaftlich Schwache leicht abstürzen.

Die steuerbezogenen Daten über Einnahmen und Löhne werden konfrontiert mit den Daten zu den Kosten der Grundnahrungsmittel, vor allem Weizen bzw. Brot, Olivenöl und Kichererb­sen. Vor­nehmlich han­delt es sich um im Kontext der Kataster benannte Erzeugerpreise. Durchschnittliche Verbraucherendpreise enthält Hamilton. Quellen seiner Preisindices waren vor allem die Rechnungsbücher von Hospi­tälern. Daten zum Ende der Regierungszeit Karls III. bieten auch Eugenio Larruga y Boneta und Joseph Townsend67.

IV

Um die Aussagen zu Löhnen und Preisen im Zeitalter Karls III. historisch einordnen zu kön­nen, werden einlei­tend einige Daten aus den zwei Jahrhunderten von den Katholischen Köni­gen bis zum Ende der habsburgischen Herrschaftszeit eingebracht. Da zum Zeitpunkt der Wäh­rungsreform von 1497 und in den nachfolgenden Jahrzehnten Madrid nicht jene Rolle zukam, die ihr seit Phil­ipp II. als Hauptstadt zuzuwachsen begann, wurde vor allem Málaga als Zen­trum dieser Datenermittlung herangezogen. Aus fol­genden Bereichen stammen die Angaben: Löhne bzw. Ein­nahmen, Ko­sten für menschliche Arbeits­kraft in Gestalt von Skla­ven, Preise für Wein, Rosinen und Getreide.

Die Forschung für Málaga geht davon aus, daß während des Goldenen Zeitalters die mittlere Summe des Jah­resverdienstes eines Mannes bei 14.355 maravedíes oder rund 422 reales lag, während Frauen auf nur 682 maravedíes oder 20 reales kamen68. Das durchschnittliche Wo­cheneinkommen des Mannes lag damit bei etwa 8 reales . Um Quellen zu Einkommensdaten zu erschließen, bietet sich auch die zeitgenössische ‚Schöne‘ Literatur an, beispielsweise die Exemplarischen Novellen von Miguel de Cervan­tes Saavedra. In seiner Erzählung 'Das Zi­geunermädchen' erhält um 1600 das Mädchen Pre­ciosa für ihren bewunderten Gesang als 'milde Gaben' ein bis vier cuartos: Seitens der Zuhörer "regnete es allent­halben viertel und achtel realen", gele­gent­lich bekommt sie einen real, für besondere Leistungen erwartet sie einen duro oder auch einen doblón69.

Ein neunjähriges 'weißes' Mädchen wurde 1504 als Sklavin für 8.500 maravedíes bzw. 250 reales verkauft, 1549 brachten erwachsene männliche 'schwarze' Sklaven ihrem Verkäufer 22.500, 16.875 und 26.250 marave­díes ein, ein 'weißer' kostete 9.000 maravedíes. Der Preis für einen 20-jährigen Negersklaven war 1575 auf 42.000 maravedíes angestiegen, 1603 muß­ten für eine 50-jährige weiße Sklavin 30.600 und 1609 für einen männli­chen 23-jährigen wei­ßen Sklaven 45.000, für vier weiße Knaben zwischen 6 und 10 Jahren jeweils 24.750 marave­díes bezahlt werden, während eine 35-jährige Frau mit zwei Kin­dern 58.500 maravedíes ko­stete und 1681 ein 22-jähriger weißer Sklave seinem Verkäufer 112.000 mara­vedíes ein­trug70. Im 17. und 18. Jahrhundert schwankten die Preise zwischen 30 und 300 pe­sos, der Mittelwert für Männer lag bei 85 und für Frauen bei 105 pesos71.

Eine Verordnung von 1532 über Weinpreise hatte den Taver­nenbesitzern zugestanden, den Wein zu freien Prei­sen bei den Erzeugern einzukaufen72. Beim Ausschank mußte jedoch die azumbre73 in Relation zur arroba stehen. Betrug für die arroba der niedrigste Einkaufspreis etwa 40 maravedíes, durfte dementsprechend die azumbre zu höch­stens 6 maravedíes ver­kauft werden, bei einem Preis von 55 maravedíes zu 8, von 75 zu 12 und von 112 zu 16 ma­ravedíes. Die normale Ausschankform der copa mit einem Volumen von 0.126 Liter ko­stete dementsprechend zwischen einem halben und einem maravedí. Um 1550 wurden für 133 arrobas Wein 20.000 maravedíes bezahlt, der arroba-Preis war auf etwa 151 maravedíes an­gestiegen. Um 1600 waren für 150 arrobas 30.000 maravedíes und 1650 für 143 arrobas 50.000 maravedíes zu zahlen. Wenn um 1550 eine arroba Wein 151 maravedíes und ein quintal Rosinen 867 maravedíes geko­stet hatten, schwankte demnach fünfzig Jahre später der Weinpreis um 200, der Rosinenpreis um 1.000 maravedíes, wei­tere fünfzig Jahre danach der Weinpreis um 350 für die arroba oder 45 maravedíes für die azumbre, der Rosinenpreis um 1.400 maravedíes für den quintal74. Es führten also nicht nur Katastrophen zu einem Preis­verfall, wie nach dem Erdbeben von 1680: Hatte schon zuvor die arroba Wein nur noch zwi­schen 111 und 138 maravedíes eingebracht, so war sie nach dem Erdbeben wegen der Aus­fuhrschwierigkeiten über den Hafen auf etwa 24 maravedíes abgesunken75. 1753 eignete dann der arroba Wein ein Wert von 10 und der arroba Rosinen von 7 reales bzw. von 340 und 238 maravedíes. Im Vergleich zur Mitte des 16. Jahrhunderts war der Weinpreis um mehr als das Doppelte gestiegen.

In Málaga hatte 1502 der Höchstpreis für die fanega Weizen 110 maravedíes bzw. etwas mehr als 3 reales, für Gerste 60 maravedíes bzw. knapp 2 reales und für Roggen 70 marave­díes bzw. etwas mehr als 2 reales betragen76. 1605 war für die Länder der Krone Kastilien der Höchstpreis für die fanega Weizen auf 18, für Roggen auf 8 und für Gerste auf 9 reales fest­gesetzt worden – Höchstpreise, die theoretisch bis 1699 gegolten hatten, aber mangels ausrei­chender Kon­trolle nicht eingehalten worden waren. 1699 wurden neue Höchstpreise fixiert: Weizen 28, Roggen 17 und Ger­ste 13 reales77. Ein halbes Jahrhundert später wurde 1753 in Málaga die fanega Weizen mit 22 und Gerste mit 10 reales bewertet78.

Auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts war Málaga eine Handelsstadt, deren Lebensrythmus ihr Hafen bestimmte79. Ihr Außenhandel, in hohem Ausmaße von Ausländern betrieben, dar­unter auch von Hamburgern80, blühte. Haupthandelsgut war nicht mehr - wie um 1500 – Ge­treide81, sondern vornehmlich wurden Wein, Rosinen, Zitrusfrüchte, Oliven, Man­deln und Feigen produziert und verschifft82, aber auch handwerkliche Exportgüter, wie Siro Villas Tinoco gegenüber der bisherigen Annahme von einer binnenstädtisch ausgerichteten Produk­tions­struktur an verschiedenen Handwerkszweigen auf­gezeigt hat83. Die Umstellung hatte in der Mitte des 16. Jahrhunderts mit einem Wandel der regionalen landwirtschaftlichen Pro­duktion eingesetzt: Als Folge gesteigerter Nachfrage nach Wein wurde der Anbau von Ge­treide und anderen agrarischen Erzeugnissen vermindert84. Málaga wurde abhängig von der Zufuhr an Weizen und Kichererbsen85, vor allem die Siche­rung der Versorgung mit Brot war eine zen­trale Aufgabe der Stadtverwaltung86. Das Ansteigen des Preises für die fanega Wei­zen von 2 reales im Jahre 1553 über 24 reales für 1556 auf 30 reales im Januar 155787 führte mehr als fünfzig Prozent der Bevölkerung88 an den Rand einer Katastrophe bis hin zum Ver­hun­gern, weil sich das tägliche Einkommen nicht erhöhte. Nach Berechnungen von Pre­sentación Pe­reiro hatte 1553 eine drei- bis vierköpfige Arbeiterfamilie bei einem Tageslohn von 2 bis 2 ½ reales für die tägliche Grundernährung mindestens 1 ½ reales ausgeben müs­sen, nicht ein­bezogen die Kosten für Brennmaterialien89. Wie diese Familie den Anstieg des Brotes von 7 maravedíes für ein großes Brot im Jahre 1553 auf 24 maravedíes 1557 bewäl­tigte, läßt sich quellenbezogen nicht beantworten. Durch einen zentralen städtischen Getreide­speicher und über Preis- und Qualitätskontrollen war die Stadtverwaltung bemüht, ihrer Ver­sorgungsauf­gabe gerecht zu werden90.

Málaga gehörte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiterhin zum andalusischen Kö­nig­reich Granada91. Seine Agrarstruktur wurde - wie die aller andalusischen Provinzen der Krone Kastilien - von den Auf­klärern als sehr rückständig kritisiert, jedoch nicht reformiert92. Die agrarwirtschaftlichen Tagelöhner lebten unter rüden Arbeits­verhältnis­sen. Beispielsweise ließen die Latifundieneigentümer in Andalusien Anbauflächen brach lie­gen, wenn der Preis für die fa­nega Weizen auf 15 bis 12 reales absank, und minderten da­durch den schon sehr schmalen Jahresverdienst der Landarbeiter. Der tägliche Lohn betrug in einem Normal­jahr mit sechs Arbeitsmonaten etwa 3 ½ reales93. Auf den agrarwirtschaftlichen Betrieben im Raume Málaga waren die jahresbezogenen Lohnbedingungen der Tagelöhner nur insofern besser als sich ihr Arbeitsjahr auf durchschnittlich acht Monate belief und ihnen zusätzlich zum Tagesverdienst von 2 reales ein tägliches Mittagessen gewährt wurde94. Die Tagesein­nahmen ihrer bäuerlichen Arbeitgeber wurden steuerlich auf 4 reales pro Arbeitstag ange­setzt. Damit gehörten die Menschen, die agrarwirtschaftlich tätig waren, zu den wirt­schaftlich Schwachen.

Ernährungsmäßig konnten Bauern und wohl auch ihre Lohnarbeiter während nor­maler Ernte­jahre auf die Er­zeugnisse ihrer Tätigkeit zurückgreifen. Zu fragen ist, ob sie zu jenen Mala­gueños zählten, die Brot und Getreidebrei, Kraut und Suppen mit Fleisch- oder Speckbeilage, Eier­speisen und Fisch vor allem während der Fastenzeit, frisches oder getrocknetes Obst nach Jahreszeit und Preislage aßen, Wein tranken, auch Milch und Butter als Nahrungsmittel nutz­ten?95 Es ist zu bezweifeln, wie auch mit hinlänglicher Sicherheit angenommen werden kann, daß die Mehrzahl der Produkte der 243 Hersteller von Lebensmitteln, wie die von den 20 Zuc­kerbäckern und Konditoren (confiteros), von den 18 Schokoladenher­stellern (choco­late­ros), von den 10 Pasteten- und Feinbäckern (pasteleros) und von den 3 Spritzku­chenbäckern (buñoleros) oder von den 6 Likörverkäufern (botilleros), den wirtschaft­lich Schwachen nur sehr bedingt oder gar nicht zugänglich gewesen sind.

Einen wertvollen Zugang zu Lebenshaltungskosten und Ernährung hat María BegoñaVillar García vorge­legt96: Ein Haus zur Erziehung sog. stromernder und vagabundierender Mädchen (niñas per­didas y va­gabundas), das Colegio de Niñas Huérfanas de Málaga, das 21 Zöglinge betreute, verfügte für deren Versorgung über eine jährliche Rente von 300 fanegas Weizen. Das Ge­treide wurde seit 1723 grundsätzlich zur Ernährung der Mädchen gewährt, jedoch ver­brauchte das Haus 1765 nur 55,3 Prozent. In diesem Jahr schwankte der fanega-Preis zwi­schen 40 und 48 reales. Um anderweitige Ausgaben zu bestreiten, verkaufte das Colegio über­schüssigen Weizen zu 40 reales. Dem Weizendeputat eignete demnach in diesem Jahr ein Wert von 12.000 reales. Zur Grund­ausstattung der Einrichtung gehörte außerdem seit 1712 eine Jahresrente von 600 ducados. Weiterhin bezog das Haus 1765 aus drei verschiedenen Einkunftsquellen 9.388 reales Bar­geld. Zur Begleichung aller Lebenshaltungskosten der Mädchen standen demnach 21.388 reales zur Verfügung, etwas mehr als 1.000 für jeden Zögling. Aus derarti­ger wirt­schaftlicher Grundlage folgert, daß diese jungen Frauen sozial nicht wie Personen gewertet wurden, die an den Rand der städtischen Ge­sellschaft geschoben oder gar aus ihr verstoßen waren, sie vielmehr zu nützlichen Mitgliedern erzogen und in sie integriert werden sollten97.

Auch im Colegio waren die Produkte aus Weizen, wie Brot und Suppen, mit durchschnittlich jeweils 1,2 Liter an täglichem Getreideverbrauch pro Person die Grundlage der Ernährung. Am höchsten war der Verbrauch im Februar mit 1,3 Litern und vor allem in den Monaten August bis November mit 1,5 Litern, am geringsten im Mai mit 0,6 Litern. Eine wesentliche Rolle kam dem Olivenöl zu. 1765 kaufte das Haus 34 arrobas bzw. 394 Kilogramm, was ei­nen täglichen Verbrauch von mehr als ein Kilogramm bedeutete. Außerdem wurden 303 li­bras Speck käuflich erworben, ergänzt durch die Schlachtung vier hauseigener Schweine im Haushaltsjahr. Warme Hauptmahlzeiten wurden vor allem aus Kohl und Kraut unter Fleisch­zugabe ge­kocht. Kohl und Kraut bildeten an 326 Tagen die zentrale Nah­rung. An Frisch­fleisch von Hammel und Rind erhielt jedes Mädchen im Jahresdurchschnitt täglich 75 Gramm. Andere Hülsenfrüchte wie Kichererb­sen und Lin­sen waren – wie alle weiteren Le­bensmittel - abhängig von der jahreszeitigen Erzeugung, sieht man von der Fastenzeit zwi­schen Februar und April ab. In ihr dienten Frischfisch aus Fängen vor Málaga – vor allem Plötzen, rote Sackbrassen und Tintenfische -, Eier und auch Milch als zentrale Speisen. Auf Stockfisch konnte wohl ganzjährig zurückgegriffen werden. Obst gab es an 156 Tagen, Frischobst zwischen Juni und November, im Winter getrocknete Früchte. Auffällig ist, daß Apfelsinen selten geboten wurden. Gesüßt wurde mit Produkten aus Zuckerrohr, auch waren die Speisen gewürzt. An hohen Festtagen – Ostern und Weih­nachten – erhielten die Mäd­chen die besten Mahlzeiten einschließlich Kuchen und Schokolade aufgetischt. Insgesamt wurden für Lebensmittel vom Bargeldbestand 7.014 reales (= 55,7 %) ausgege­ben, 1.499 reales er­forderten die sog. ordentliche Ausgaben (= 11,9 %), vornehmlich Brenn­stoffe, und auf 4.072 reales beliefen sich die Kosten für außerordentli­che Zwecke (= 32,3 %).

­Festzuhalten ist, daß in einem ‚normalen‘ Jahr etwas mehr als 1.000 reales voll ausreichten, die elemen­taren Bedürf­nisse jedes Mädchens zu be­friedigen. Ihre Ernäh­rung war zwar eintö­nig, glich weitgehend der Nahrung in den Unter­schichten, scheint aber besser gewesen zu sein als bei den wirtschaftlich Schwachen. Im Colegio ent­hielt das Essen in ausreichendem Maße Kohlehydrate, pflanzliche und tierische Fette sowie Trauben­zucker, es ­mangelte an Proteinen und Vitaminen.

Die These, daß die Frauen im Colegio de Niñas Huérfanas wirtschaftlich besser versorgt wa­ren als zahlreiche Lohnempfänger in ‚normalen‘ Berufen, folgert aus weiteren Daten.

In Málaga lebten 1753 nach der Scharlachepidemie von 1750/51 mit einer sich anschlie­ßen­den Hungersnot noch rund 42.000 Menschen, unter ihnen etwa 950 an­erkannte Arme98. An der Spitze der sozialen Pyramide stand der lokale und provinziale Adel99. Er bleibt hier ebenso außerhalb der Analyse wie die Geistlichkeit. Die Stadtverwaltung, die Großkaufleute und die Gruppe der ‚freien Berufe‘ mit gesellschaftlichem Ansehen werden ebenfalls nicht berück­sichtigt. Daß es auch Frauen gab, die gegen Entlohnung arbeiteten, wenn auch in ihrer über­wiegenden Mehrheit als Dienstpersonal, gab es sie ebenso im Kleinhan­del und in handwerkli­chen Bereichen, wie eine Studie von Mónica Martínez Moutón aufzei­gen wird100; gegenwärtig sind Aussagen noch nicht möglich. Von 10.874 Personen, die sich in ei­nem steu­erlich erfaß­ten Arbeitsverhältnis befanden, trugen zur Versorgung der Stadt mit Le­bensmit­teln und Brennmaterialien insge­samt 3.472 Personen bei, darunter die bereits er­wähnten 284 Bau­ern und Kleinstel­lenbe­sitzer (labradores y peujare­ros) sowie 2.600 agrar­wirtschaftliche Ta­ge­löhner (jornale­ros)101. Ihre Anzahl vermehrte sich im Laufe der Regie­rungs­zeit Karls III. of­fen­bar beachtlich: Gemäß der Volkszäh­lung unter Floridablanca lebten 1787 in Málaga neben 5.268 Handwerkern und 1.152 Bedien­steten 1.715 Bauern und Klein­stellenbe­sitzer sowie 7.580 Tagelöhner102.

Bauern und Landarbeiter zählten zusammen mit weiteren Berufen des primären Sektors, den 495 Fischern, den 81 Holzfällern (leñadores) und den mit jeweils jährlich 86 ducados (= 950 reales) am besten verdienenden 12 Auf- und Verkäufern von Eiern und Geflügel (recoberos) zu den Steu­erpflichtigen, die mit einem geringen Jahresein­kommen veranlagt wurden103. Sie stellten 33,03 Prozent der Steuerzahler, waren je­doch am steuer­pflichtigen Einkommen nur mit 3,1 Pro­zent beteiligt.

Unter den Fi­schern versteuerten die 15 Schiffsführer von Küstenfi­schereibooten (barcas de jábega) jährlich 800, ihre 300 Matrosen etwa 400 reales, während die 20 Schiffs­führer und 160 Matrosen auf einfachen Fischerbooten (barcos de pescar, pa­langres) auf 380 reales ka­men. Bei der Band­breite der Einkommen der einzel­nen Schiffsfüh­rer von Hochseefi­scher­booten betrug das ge­ringste Jahreseinkommen nur 300 reales, erreich­ten bei den pa­langreros ihrer sieben nur 100 reales jährlich104. Ohne Holzein­schlag lief in Málaga nichts, die 81 Holz­fäller mußten sich mit 220 reales jährlich versteuerbaren Verdienstes be­gnügen105.

Besondere Aufmerksamkeit erheischen die Berufe, die im Kontext des Hafens wahrgenom­men wurden, und die zünftisch privilegierten Handwerker. - Im Hafen verdienten 47 Schiffs­führer und ihre 940 Matrosen auf Transportbarken (barcos transporte) 880 bzw. 715 reales jährlich; wesentlich schlechter gestellt waren die 15 Schiffsführer und 30 Matrosen auf Leichtern (lanchas) mit jährlich 200 reales; das geringste Einkommen betrug hier sogar nur 20 reales106. Damit verdiente man im Hafenbereich weniger als in unzünftischen, sozial ver­achteten Tätigkeitsfeldern, die als ‚gemein‘ und ohne berufliche Ehre (viles y deshon­ro­sos) qualifiziert wurden. Viele hier wirkende Tagelöhner wurden sub­sumiert unter die pejora­tive Sammelbezeichnung palanquines, zu übersetzen als Träger, aber auch als Grobiane oder Fle­gel. Sie waren im städtischen Wirt­schaftsleben unumgänglich notwendige Arbeitskräfte - die Wasserträger und Wasserverkäufer, die Mietkräfte für niedere Aufgaben und Lastentrans­porte, die Brunnen- und Ab­trittreiniger, die Straßen- und Pontonarbeiter, die Steinhauer und Bauhilfsarbeiter, Tierscherer und Bleicher, Trödler und ambulante Wein­händler107. Diese mehr als 650 Tagelöhner stellten teilweise den Bo­densatz der Lohnarbeiter dar, standen sich allerdings wirtschaftlich bei einem jährlichen Verdienst von durchschnittlich 660 bis etwas über 1.000 reales108 bes­ser als mancher ‚ehrbare‘ Handwerker109. Die palanquines waren aber nicht identisch mit jener mala gente (= Gesindel), die in asozialer Verhaltensweise besonders während der Nacht ein gefährliches Übel war, über das besonders Reisende klagten110.

Innerstädtische Versorgung, Handel, Hafen und Schiffahrt führten zu einer Vielfalt hand­werklicher Berufe, von denen hier nur ausgewählte angeführt werden – ausge­wählt diejeni­gen, deren Arbeit gering oder so knapp vergütet wurde, daß sie den wirt­schaftlich Schwachen zu­gerechnet werden müssen, außerdem zum Vergleich einige Handwerker mit höherem Ein­kommen. Auch hier verdecken alle Durch­schnittsangaben, daß innerhalb der jeweiligen be­ruflichen Tätigkeit die Spannweite zwischen den Einkommen der Einzelnen breit gewesen sein wird.

Die meisten Gesellen mußte sich mit einer vergleichsweise geringen Vergütung begnügen: zwei Messerschmiedegesellen und drei Drechslergesellen brachten es täglich auf 2 reales, sechs Ge­sellen der Fri­seure, 118 der Schuhmacher, drei bei den Druckern und ein Sattler auf je 3 reales, während jeder der 83 Gesellen bei den Schneider 3 ½ und jeder von elf der Tuchweber 4 reales verdiente. Die Verdienste der Mehrzahl der Meister und auch mancher Gesellen wurden als Jahresein­kommen in ducados verzeichnet, beispielsweise 81 Barbiere und Bader mit 70 und ihre Ge­sellen mit 17 (= 770 bzw.190 reales), 14 Fri­seure mit 112 (= 1.200 reales), 44 Schneider mit jeweils 128 (= 1.400 reales), 89 Schuhmacher mit je­weils 137 (= 1.500 reales) und 139 Bäcker mit jeweils 180 (= knapp 2.000 reales). Im Vergleich zu den Schuhmachern verdienten die neun Flickschuster nur 93 ducados (= 1.025 reales), stan­den sich wirtschaftlich schlechter als die in Deutschland sprichwörtlich ‚armen‘ Schneider. Die 14 Maurermeister und ihre 50 Gesellen wurden steuerbezogen nach dem Tagesver­dienst von 8 bzw. 6, bei den 38 Meistern und 61 Gesellen des Berufes des Zimmer­manns nach ei­nem tägli­chen Einkommen von 6 bzw. 5 reales eingestuft. Ihre Lohnhöhe dürfte bedingt ge­wesen sein in der Abhängigkeit ihrer Berufe von Jahreszeit und Wetterlage.

Geringe jährliche Ein­kommen verzeichneten so unterschiedliche Berufe wie die 29 Töpfer­meister mit je 28 ducados (= 300 reales), sechs Gipsbrennermeister mit je 36 (= 400 reales), sieben Mattenflechtermeister mit je 50 (= 550 reales), sechs Sattlermeister mit je 78 (= 860 reales) und zehn Lederzubereiter mit je 85 (= 930 reales). Die acht Tuchwebermeister kamen auf je 112 ducados (= 1.235 reales), vier Beutlermeister auf je 119 (= 1.310 reales), 38 Bortenwirkermeister auf je 119 (= 1.310 reales), zwölf Schlossermeister auf je 134 (= knapp 1.500 reales), sieben Meister des Waffenschmiedegewer­bes auf 136 (= 1.500 reales) und vier Hutmachermeister auf je 137 (= 1.510 reales); entsprechend geringeren Lohn bezogen ihre Gesellen. Daß die neun Meister der Schmiede je 156 ducados (= 1.720 reales) und ihre Ge­sellen einen Tageslohn von 4 reales bezogen111, erklärt Villas Tinoco mit dem Sachverhalt, daß sie wie beispielsweise vor allem auch die 18 Faßbindermeister und ihre 137 Gesellen mit einem Jahreseinkommen von 4.153 bzw. 1.496 reales, die 28 Böttchermeister und ihre 34 Gesellen mit 217 bzw. 100 ducados (= 2.400 bzw. 1.100 reales) oder die 43 Seidenwirker und ihre 128 Gesellen mit einem Jahreseinkommen von 266 bzw. 75 ducados (= 2.930 bzw. 830 reales) ebenso wie die Schneider, die Bortenwirker, die Schuhmacher und die Bäcker nicht nur für den städtischen Markt, sondern auch für die Bedürfnisse der Schiffahrt und für den Export arbeiteten112.

Im tertiären Sektor waren mit insgesamt 5.166 Arbeitskräften die meisten Personen tätig, da­von 765 im Handel und 4.401 im Dienstleistungsbereich113. Hier war die Einkommens- und Lohnspanne am größten, reichte von 24 Überseekaufleuten mit jeweils jährlich durch­schnitt­lich 47.583 reales und 103 weiteren Großhändlern mit einer durch­schnittlichen Jah­ressteuer­veranlagung von 714 ducados (= 7.875 reales) bis zu 170 Krämern, die mit 2 reales Tages­ver­dienst trockene Früchte verkauften. Zum untersten Einkommenbereich gehörten fer­nerhin 36 Lakeien mit je 3, elf Mauleseltreiber mit je 4 und 33 Kutscher mit ebenfalls je 4 reales täg­lich. Aus der Gruppe jener, die jeweils nur 100 ducados (= 1.100 reales) verdienten, seien abschließend so unterschiedliche Berufe wie die 45 Miet­kutscher, die 7 Pferdeverlei­her, die 100 Lastenträger, die 26 öffentli­chen und 2 kirchli­chen Schreibergehilfen, die 9 Poli­zei- und Gerichtsdiener und die 8 Schulmeister und ihre 6 Gehilfen angeführt. Wirtschaftlich Schwa­che gab es darüber hinaus in zahlreichen wei­teren, hier nicht angeführte Tätigkeitsfel­dern114.

Daß mit einer jährlichen Steuerveranlagung bis hinunter zu 1.000 reales ein Lohn- oder Ein­kommensbezieher normalerweise über dem Be­reich des Existenzminimums lag, ergibt sich, wenn einerseits ältere Daten115 zum Vergleich herangezogen werden und andererseits ein Ta­ges­lohn von mindestens 3 reales in Bezug gesetzt wird zu den Lebenshaltungskosten. Sie konnten sich verbilligen, wenn sein Beruf dem Steuerpflichtigen den Zugang zu unentgeltli­chen oder zumindest preisgün­stige­ren Produk­ten ermöglichte. Den Ver­gleich zwischen Ein­kommen und Prei­sen erschwert, daß für Málaga nur wenige Daten vor­lagen.

Im Kataster von 1753 benannte die Stadt als Preis für eine fanega Weizen 22 reales, für die fa­nega Oliven 10 reales und für die arroba Olivenöl 14 reales116. Etwa gleichzeitig eignete in der Provinz­hauptstadt Granada der fanega Weizen ein Wert von 20 reales, der arroba Oli­venöl von 12 reales117. Weitere agrari­sche Erzeugnisse waren in Málaga Zi­tronen, die Kiste (caja) zu 45 reales, und Apfel­sinen zu 4 reales – Pro­dukte, von denen zur gleichen Zeit in Madrid für das Dutzend Zitronen 128 ½ maravedíes oder 3,8 reales und für 100 Ap­felsinen 765 maravedíes bzw. 22 ½ reales verlangt wurden118. Die fanega Mandeln kostete in Málaga 22 reales und ge­trock­nete Feigen 3 ½ reales, in Madrid die libra Mandeln 89 mara­vedíes oder 2,7 reales und 25 libras ge­trocknete Feigen 484 maravedíes oder 14,3 reales. Eine arroba Wein war in Málaga 10 reales, eine arroba Rosinen 7 reales wert. Für die Regie­rungszeit Karls III. liegen jedoch konti­nuierliche Datenreihen erst ab 1787 vor. Da 1787 jene Infla­tion noch nicht voll eingesetzt hatte, die zum Kennzeichen der Regierungszeit Karls IV. (1788–1808) wurde, lassen sich diese Angaben noch heranziehen. Nach Morilla Critz119 ko­stete 1787 in Málaga eine fanega Weizen 42.50 reales, eine arroba Oli­venöl 27,50 reales, eine fanega Ki­chererbsen 51.50 reales, eine libra frischer Speck 4 reales, ein quintal Stock­fisch 36 reales, eine arroba Essig 6 reales, eine fanega Salz 34 reales, eine ristra (= Bund) Knoblauch 19.40 cuartos und eine arroba Brennmaterial 4 reales. Für Apfelsi­nen wurden 7 cuartos für das Dutzend gerechnet und für eine arroba Weintrauben 12 reales. Für eine libra Rindfleisch wurden nach Townsend 12 cuartos verlangt120. Für eine Elle Lei­nen mußten am Ende des Jahrhunderts 6 ½ reales, für eine Elle Tuch 26 reales und für eine libra Korduan 14 reales ausgegeben werden121. Die Daten belegen, daß bereits eine erste in­flationäre Phase begonnen hatte122. Dieser Preisanstieg seit etwa 1775 wurde kaum begleitet oder gar aus­gegli­chen durch Zuwachs bei den Löhnen. Eine zunehmende Verschlechterung der sozialökonomi­schen Lage der Unterschichten war eine Folge. Sie spiegelt sich unter anderem in dem Sach­verhalt wider, daß es 1787 in Málaga neben 16.025 verheirateten Personen 13.328 unverhei­ratete gab, darunter 6.364 Männer im Alter über 16 Jahre123 - mehrheitlich wohl Angehörige jener Unterschichten, die wegen ihres niedrigen Einkommens keine Ehe schließen konnten.

V

Zur Einwohnerzahl der spanischen Hauptstadt Madrid läßt sich keine gesicherte Aussage tref­fen. Auf der Grundlage des Katasters von 1757 hat Matilla Tascon ohne Einbeziehung der Angehörigen des Hofes und des geistlichen Standes 101.037 Seelen (almas) berechnet, die Geistlichkeit einbezogen kommt er auf 109.753 Bewohner124. Zwei Daten für 1757 legt Car­bajo Isla vor, deren untere Annahme bei einer Gesamtzahl von 145.920 liegt, die höchste eine Einwohnerzahl von 152.658 benennt125. Im Widerspruch zu diesen Daten steht die Berech­nung der Zählung von 1768, die zu einer Gesamtzahl von 133.426 Menschen führt126. Bei der Volkszählung von 1787 unter Floridablanca wurden 147.543 Bewohner ermittelt127. Wichti­ger als diese Daten sind hier Aussagen über die Bevölkerungsteile, die untersucht werden sollen. Für 1757 errechnet Matilla Tascon 735 anerkannte Arme, darunter auch aus adligem Stande, 5.660 Witwen, 207 Tagelöhner ohne festeres Ar­beitsverhältnis und 10.676 Personen beider Geschlechter und aller Altersstufen als Dienstper­sonal128. Im Kataster erscheinen 3.346 Ange­hörigen des Adels, die unberücksichtigt bleiben, 13.795 ‚nutzbringende‘ Steuerzahler (vecinos útiles) aus dem estado llano und 8.168 Tagelöhner.

Dreißig Jahre später – 1787 – hatte sich die Zahl der Tagelöhner auf 8.928 und die der Be­diensteten auf 17.313 Personen erhöht; außerdem wurden 6.884 Handwerker registriert129. Die Berechnungen von Carbajo Isla weichen ein wenig ab, ändern aber nichts an der Folgerung, daß sich die Gruppen der wirtschaftlich Schwachen und damit der potentiell Armen vergrö­ßert hatten. Zu ihnen sind die 102 Bauern und auch zahlreiche Personen unter den 5.074 Men­schen hinzuzurechnen, die in einem Dienstverhältnis zum Hofe standen.

Ein Kennzeichen der Hauptstadt Madrid war, daß etwa 40 Prozent der arbeitsfähigen männli­chen Bevölkerung außerhalb des produktiven Berufslebens standen, vor allem als Angehörige des Hofes, des geistlichen Standes und des Militärs, als Studenten und Bedienstete – im Ver­gleich zu dieser Gruppe in den kastilischen Provinzen etwa die vierfache Anzahl130. In Madrid setzte sich der estado llano 1757 gemäß Matilla Tascon, Soubeyroux und Martínez Ruiz131 aus den drei Gruppen der freien Berufe, der Kaufleute und derjenigen zusammen, die unter dem Begriff Handwerker (artes y oficios) zusam­mengefaßt waren. Er­stere zählte 1.295, die zweite 2.262 Personen, in die dritte waren 18.595 Madrider eingeordnet. Letztere war ihrer Zusam­menset­zung nach sehr heterogen, umschloß sie doch neben den eigentlichen Handwerkern u. a. die landwirtschaft­lich Tätigen, die Dienerschaft und die öffentlichen Ange­stellten. Am Ende des Jahrhunderts gab es 8.935 Tagelöhner. In den ‚großen‘ Fami­lien waren 2.908 Be­dienstete tätig; zu dieser Gruppe müssen zusätzlich weitere 10.676 Perso­nen hinzu­gezählt werden, die in anderen Stellungen dienten, sowie das gar nicht erfaßte weibliche Per­sonal. Im Bauwesen arbeiteten 4.379 Männer, darunter 4.127 Handlanger, in der Textilien­herstellung 4.552 Perso­nen, im Produktions­bereich von Möbeln und Gegenstän­den des Haus­halts 2.663 und in der Schneide­rei 1.369 Menschen. 1797 wurden im Handwerk 7.277 Mei­ster, 8.726 Gesellen und 2.716 Lehr­linge gezählt132.

Stärker als in ande­ren Gemein­den waren in Madrid neben den pobres de solemnidad auch die pobres ver­gonzantes vorhan­den. Vor allem hier gab es entlassene Sol­daten, erfolglose Bewer­ber um eine Arbeits­stelle, herunterge­kom­mene Adlige, leistungsunfä­hige Handwerker und – sie seien hier aus­drücklich aufgeführt – ärmliche Angehörige des geistlichen Standes. Diese ‚Hausarmen‘ strebten an, ihr Absinken in die Armut zu verheimli­chen im Vergleich zu jenen Armen, die sich ihres Armenrechts be­wußt waren und es zu nut­zen verstanden133. Die ‚ver­schämten Ar­men‘ behördlich zu erfassen, stieß an Grenzen, die zu den sozialen Gewohnhei­ten der Madrider gehörten – die Straße als bevor­zugter Lebensraum. Sie kam auch jener fluk­tuierenden Gruppe zugute, über deren ‚Le­bens­qualität‘ sich ebenfalls keine Aussa­gen treffen lassen - Männer und Frauen, die unter die Schlagwörter Landstreicher, Zigeuner, Bettler und Prostitution subsumiert werden134. Auf sie wirkte die Hauptstadt wie ein Magnet. In Madrid konnten sie meist ‚illegal‘ leben, weil sich an ihnen verdienen ließ, indem ihnen gesetzeswid­rige Unterkunft gewährt wurde, d. h. sie nicht ‚polizeilich angemeldet‘ wurden. Für die Gruppe der ‚Landstrei­cher‘ sind zwischen 1730 und 1787 in Madrid 10.229 Perso­nen er­mit­telt worden, angesogen aus den nächstgelegenen, da­durch von ihnen weitge­hend freien Pro­vinzen, beispiels­weise Gua­dala­jara, Segovia und Avila135. Sie alle konnten dank einer sehr großzügigen christlichen Näch­stenliebe ihr Leben fristen136.

Zahlreiche Vorgänge haben von Beginn der Regierungszeit Karls III. an die Lebenshal­tungs­kosten der wachsenden Madrider Bevölkerung beeinflußt­137. Beachtenswert wirkte die An­ziehungskraft der Hauptstadt auf die Landbevölkerung aus ganz Spa­nien. Das Leben in Ma­drid verhieß nicht nur Arbeit, sondern ließ auch höhere Löhne oder ein ‚flottes‘ Leben erhof­fen, beispiels­weise als majo oder maja, als petimetre oder petimetra oder als currutaco, ins Deutsche zu übersetzen als ‚Stutzer‘ beiderlei Geschlechts138. Den Weg nach Madrid nahmen außerdem Menschen, die sich nach einem Studium, als Soldaten oder als Geistliche vom Hof eine Pfründe erhofften, wählten Ausländer nicht nur als Reiseziel, sondern auch in der Ab­sicht, sich hier niederzulassen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts soll diese so heterogene Gruppe zwischen 30.000 und 35.000 Personen betragen haben. Auch gab es um 1797 eine Garnison von 10.268 Soldaten. Stark zurückgegangen war Anzahl der Sklaven139.

Als Residenz- und Hauptstadt unterschied sich Madrid von der Handels- und Hafenstadt Málaga in der Arbeitsstruktur seiner Einwohner. Von den 13.795 ‚nutzbringenden‘ Steuer­zahlern und 8.168 Tagelöhnern des Jahres 1757 gehörte die überwiegende Mehrheit zur Gruppe der Handwerker und Gewerbetreibenden (artes y oficios). Ihr tägliches Einkommen war im allgemeinen höher als in Málaga, zugleich bezogen die Gesellen durchschnittlich den­selben Tageslohn wie die Meister. Auch die Lehrlinge wurden entlohnt, überwiegend mit 3 reales am Tage, zumindest erhielten sie 2 reales. Die Lohnspitze nahmen vornehmlich Berufe ein, die vor allem für den Hof, den Adel und reiche Angehörige des estado llano arbeiteten, beispielsweise die 45 Mei­ster der Matratzenmacher, von denen 13 täglich 20 reales versteu­erten, 21 auf 15 und die rest­lichen 11 noch auf 8 reales kamen140. 78 Bau- und Werkmeister141 mit täglich 15 reales und ihre 89 Gesellen mit einem Tageslohn von 10 reales gehörten ebenso wie 159 Holzschnitzer, Kupferstecher, Graveure, Kunsttischler und 69 Bildhauer, wie 479 Gold- und Silberschmiede und 55 Uhrmacher sowohl als Meister wie als Gesellen zu dieser Gruppe142. In der mittleren Lohnposition befanden sich u. a. 34 Büchsenmacher, 657 Mitglieder des Tischler-, Zimmerer- und Koffermacherhandwerks, 323 Hersteller von Wagen, 76 Sticker und auch die 1.369 Schneider mit einem Tageslohn der 420 Meister von 12 und der 703 Gesellen von 10 reales143. Hierzu können auch noch 880 Schuhmacher gezählt werden, von denen 247 Meister täglich 8, weitere 12 ebenso wie 226 Gesellen 7 ½ und die restlichen 310 Gesellen 6 reales verdienten, während von den 357 Flickschustern 229 Meister auf 6, 81 Meister auf 5 und ihre 25 Gesellen auf ebenfalls 5 reales Tagesverdienst kamen144. Zu den Handwerkern, die sich ebenfalls mit einem Tageslohn von 5 reales begnügen mußten, zählten die 19 Meister und 5 Ge­sellen der Kammacher und 13 Meister der Pflasterer, deren 39 Ge­sellen auf 4 reales ka­men, die 17 Meister und Gesellen der 21 Korbmacher ebenso wie die 15 Meister und ihre Gesellen der 19 Siebmacher145. In dieser bereits kritischen Lohnlage befan­den sich auch die 16 Meister und 23 Gesellen der Leineweber sowie die 20 Meister und 20 Gesellen der Woll­kämmer146. Im Bereich des Handwerks lag der geringste Tagesverdienst bei den Meistern und Gesellen der 155 Bortenwirker und Posamentierer147. Die größte Gruppe von Lohnarbei­tern stellten die Maurer und ihre Handlanger mit 4.127 Männern, von denen 4.097 einen täg­lichen Lohn von 4 reales erhielten, 23 auf 5 und 2 auf 6, weitere 5 auf nur 3 reales kamen148. Innerhalb einzelner Handwerke gab es außerdem Tagelöhner, die sich über­wiegend mit Löh­nen zwischen 5 und 4 reales begnügen mußten – tätig als ausgelernter Lehr­ling beim Lehrherrn auf Zeit gegen Essen und geringe Vergütung (mesero), als Hilfsarbeiter (peón) und allgemein als Gehilfen (mancebo).

Die Mehrheit der im Kataster aufgeführten 88 Berufe im Bereich von Handwerk und Ge­werbe149 verfügte über einen Mindestlohn zwischen 6 bis 10 reales. Von den 2.908 Lohndie­nern reichten 12 mit 8, 43 mit 7, 30 mit 6 ½ und 214 mit 6 reales täglichem Lohn in diese Einkommensgruppe hinein; in einer Mittellage mit 5 ½ reales befanden sich 112 Bedienstete, 668 erhielten 5, 493 kamen auf 4 ½ reales, während sich 937 und damit ein knappes Drittel aller Lohndiener mit 4, 223 mit 3 ½, 151 mit 3, 13 mit 2 ½ und 12 mit 2 reales pro Tag ab­finden lassen mußten150. Gering entlohnte Tätigkeiten gab es auch in anderen Arbeitsberei­chen, beispielsweise die zahlenmäßíg im Kataster gar nicht angeführte, jedoch wohl beachtli­che Gruppe der verschiedenen Gehilfen im Handel, die Gruppe der Hauswarte, Pförtner (portero) und Amtsdiener bei Behörden (alguacil) oder der Hausbeschließer im privaten Be­reich. Diese Funktion entwickelte sich zusammen mit der städtischen Straßenbeleuchtung: Als Ma­drid nach Barcelona (1757), Cádiz, und Zaragoza 1765 vornehmlich aus ‚polizeili­chen‘ Erwägungen Straßenlaternen erhielt, bezog ein Lampenwärter für jede Nacht, in der er die Öllampen ver­sorgte, einen Lohn von 3 bis 5 reales, sein Aufseher den doppelten Be­trag151. Ab 1766 mußte jedes Haus für die Stra­ßenbe­leuchtung jährlich 64 reales und 20 maravedíes aufbringen152. 1787 hatte sich der Lohn des Lampen­wärters auf 5 reales fixiert, wäh­rend die Hausbesitzer je nach Hausgröße monat­lich 16, 12 oder 4 reales zu bezahlen hatten. Für sie nahm von Beginn an der Lampenwärter auch die Aufgabe jenes Hausbe­schließers und Nachtwächters (sereno) wahr, der bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts hinein den nächtlichen Zu­gang kontrollierte und die Haustür öffnete.

Am unteren Ende einer Lohnskala befanden sich außerdem die Einwohner Madrids, die im agrarwirtschaftlichen Bereich ihr Arbeitsfeld besaßen. Am besten gestellt waren die 37 Bau­ern und Gärtner mit einem Tageseinkommen von 5 reales, während von 130 Landarbeitern 34 ebenfalls 5, aber 96 nur 4 reales verdienten153. Ebenfalls 4 reales Tageslohn bezogen 22 Schafscherer. Von den 86 Hirten kamen 3 auf 5, 79 auf 4 und 4 auf 3 reales täglich. Von 99 Ziegenhirten erhielt die überwiegende Mehrheit am Tage 4 reales.

Diese Daten beruhen auf steuerbezogenen Materialien. Anhand von Lohnangaben aus dem unmittelbaren Wirtschaftsleben können sie ergänzt werden. Die Ta­geslöhne ver­schiedener Berufe in Neukasti­lien, und das heißt wohl besonders in Madrid, sind von Ha­milton für den Zeitraum von 1737 bis 1800 vornehmlich aus Rechnungsbüchern von Hospitälern zusam­mengestellt worden154. Die Liste verzeichnet Hand­langer bzw. Tagelöh­ner als Empfänger des nied­rigsten Lohnes mit – im folgenden stets abgerundeten Zahlen - 140 maravedíes im Jahre 1750 - ein Arbeitsentgelt, das 1781 auf 144 anstieg und von 1784 bis 1787 in einer Höhe von 157 maravedíes ausgezahlt wurde. Ab 1788 stieg der Tageslohn auf 165 und verharrte dann von 1789 bis 1799 bei 170 marave­díes. Als Ta­geslohn für Handarbeit notierte Townsend 1786 in Madrid und Toledo während des Winters 4, in Frühjahr und Som­mer in Toledo 4 ½, in Madrid 5 reales, für 1787 in Gra­nada 4 und in Sevilla 4 ½ reales; bei einem einjährigen kontinuierlichen Arbeitsverhältnis betrug der mo­natliche Verdienst 45 reales155.

Besser als Tagelöhner wurden Hilfsarbeiter in Möbeltischle­reien entlohnt, begin­nend 1751 mit 193 maravedís, ab 1775 dann verhar­rend bis 1788 bei 204 maravedíes. In die­sen Betrie­ben bezog 1751 der Geselle 688 maravedíes, ab 1756 schwankte die Löhnung bis 1767 zwi­schen 704 und 604 maravedíes, bis sie von 1768 bis 1800 konstant bei 680 ma­rave­díes ver­harrte156. Im Berufsfeld des Zimmermanns empfing 1751 in Madrid der Hand­langer mit 272 maravedíes einen Tageslohn, der ab 1778 auf 221 ab­gesenkt wurde und da­nach bis 1789 zwi­schen 204 und 241 maravedíes schwankte. In diesem Hand­werk bezog 1751 der Geselle 359 maravedíes – ein Tageslohn, der danach auf durchschnitt­lich 340 ma­ravedíes absank und erst 1769 mit 362 die Marke vom Beginn der Jahrhunder­mitte über­schritt, an­schließend Schwan­kungen ausgesetzt war, bis er 1788 erst­mals 405 maravedíes erreichte157. Auch der Hilfsar­beiter beim Maurer mußte sich mit einem Absinken seines Ta­geslohns von 272 maravedíes im Jahre 1751 bis zu 204 oder sogar 198 (1777) abfinden – eine Lohnlage, die erst im letzten Jahrzehnt zum Verdienst von 1751 zu­rück­kehrte. Der Mau­rergeselle bezog 1751 einen Ta­geslohn von 408 maravedíes, der sich nach kurzfristigem Rückgang dann zwi­schen 1754 und 1769 hielt; in den nachfolgenden drei Jahr­zehnten schwankte sein Verdienst zwischen 399 (1770, 1775) und 425 (1796) marave­díes. Finan­ziell kaum besser gestellt wa­ren die Mitar­beiter der Schmiede: 1751 bezogen sie als Hilfsar­beiter 238, als Gesellen 369 maravedíes, verharrten als Gehilfen auf ihrem Lohn, der sich von 1752 und 1758 für die Ge­sellen zwi­schen 336 und einmal 420 (1755) maravedíes bewegte, danach liegen keine Daten vor. Von 1751 bis 1786 bezog ein Holzsäger täg­lich 340 maravedíes, danach erhöhte sich sein Ein­kommen lang­sam, und ab 1793 nahm er bis 1800 täglich 408 maravedíes ein. Schlechter ge­stellt war der Marmorsäger: sein Tagesver­dienst betrug 1757/59 nur 204 maravedíes, da­nach stieg es lang­sam an, erreichte jedoch nur zwi­schen 1777 und 1780 ein wenig mehr als 300 marave­díes. Ein Geselle beim Steinmetz stand sich 1751 mit einem Tageslohn von 346 mara­vedíes bes­ser, bezog durchschnittlich 374 maravedíes zwischen 1753 und 1773, an­schlie­ßend erhöhte sich sein Lohn und bewegte sich von 1779 bis zum Ende des Jahrhunderts zwi­schen 378 und 425 maravedíes158.

Insgesamt erfuhren die Löhne auf der Basis der Indices zwischen 1737 und 1750 eine Steige­rung: Betrug 1751 die Indexzahl 106, so hatte sie sich 1788 auf 111,2 erhöht. Der Anstieg vollzog sich nicht kontinuier­lich. Zwischen 1752 und 1766 sank die Indexzahl zeitweise bis auf etwas über 103 ab159. Insgesamt blieb der Anstieg der Löhne seit der Jahrhundermitte stark hinter den Preis­steigerungen zurück160.

Um Aussagen über die ‚Lebensqualität‘ von Unterschichtenangehörigen treffen zu können, ist ihr Tageslohn in Beziehung zu setzen zu den Preisen für die Grundnahrungsmittel.

Für die Versorgung von Madrid161 reichten die agrarischen Er­zeugnisse des Hinterlandes nicht aus162. Hier wurden Weizen, Gerste, Kichererb­sen, Wein, Gemüse und in geringem Umfang Oliven angebaut163. Benötigt wurde vor allem Brot. Es ist „dem gemeinen Volk in Spanien um so nötiger, als es durch nichts ersetzt wird“, notierte der diplomatische Vertreter des Wiener Hofes zu Madrid164.

Der Madrider Markt war generell privilegiert und preisbezogen protegiert165. Vor allem wurde der Weizen an die Bäckereien vom städtischen Getreidelager166 (pósito) zu sub­ventioniertem Preis abgegeben, so daß Brot in Madrid billiger war als im Hinterland. Daher kaufte nicht nur in Zeiten schlechter Ernteergebnisse die dörfliche Bevölkerung des Umlandes ihr Brot in Ma­drid. Die hohen Subventionen waren nicht nur bedingt in der Sicherung eines politisch ver­tretbaren Brotpreises, sondern ergaben sich auch als Folge der Kosten der Getrei­defracht über schlechte Wege167. Die Erzeugerre­gionen - Segovia, Ávila, Salamanca, Toro, Zamora und Valladolid mit ei­nem zentralen Einkaufsort in Arévalo168 - lagen vornehmlich nördlich des Kastilischen Scheidegebirges in Altkastilien. Aus Regionen mit günstigeren Er­zeugerprei­sen169 ließ sich Getreide in vielen Fällen aus transporttechnischen Gründen nur bedingt heran­führen170.

Um 1751/52 schwankten die Erzeu­gerpreise für Weizen zwischen 12 und 24 reales für die fanega171. Vor allem die Verbraucher­preise für die besseren Brotsorten vollzogen derartige Schwankungen nach. Zwischen den Brotsorten candeal und pan español bestand normaler­weise ein Preisunterschied von 1 bis 2, auch 3 cuartos bei einem pan grande172. Bei einem Mittelwert von 18 reales oder 612 marave­díes hatte um 1751/52 ein Laib Brot einschließlich der Grundausgaben für Mahl- und Backkosten sowie der Verdienst­spanne des Bäckers etwa 34 maravedíes gekostet, der Preis fiel 1752 auf 31 maravedíes, stieg dann von 38 im Jahre 1753 auf 54 maravedíes 1754 an. Zwischen 1756 und 1760 sanken die Ausgaben für das täg­liche Brot auf 21 bis 26 maravedíes, erreichten 1764 erstmals 40 und 1765 dann 42 marave­díes. 1767 kostete das candeal 12, das pan español 11 cuartos bzw. 48 oder 44 mara­ve­díes173. Auch 1768 bis 1770 mußten 42 bzw. 42 maravedíes bezahlt werden. Im Sommer 1769 war der Preis für ein pan de dos libras auf 15 cuartos gestiegen, war 1770 wieder auf 10 bis 11 cuartos, für das candeal auf 11, für das pan español auf 10 cuartos gefal­len174. Nach 42 mara­vedíes im Jahre 1773 verlangten die Bäcker 1774 sogar 45 maravedíes für das pan grande. Von 1775 bis 1785 schwankten abermals die Preise zwischen 28 (1784) und 41 (1780) mara­ve­díes, schnellten danach hoch und erreichten über 44 (1786) und 48 (1787) erstmals 51 ma­ravedíes im Jahre 1788. 1790 kostete ein Brot 57 maravedíes.

Der Preis des pan comun war 1767 durch behördlichen Eingriff von 11 auf 7 cuartos abge­senkt worden. Diese Brotsorte hatte vor 1785 nur 6 ½ cuartos gekostet, ihr Preis stieg im Herbst 1785 auf 10 cuar­tos175. Eine Folge war, daß die Stadtverwaltung wie 1767 für die Ar­men pan de villa backen ließ. Preise für dieses pan de villa und vor allem für das pan de pobres waren nicht zu ermit­teln, dürften jedoch spürbar unter denen anderer Brotarten gele­gen haben. Parallel dazu verlief deutlich erkennbar eine allgemeine Tendenz zur Nachfrage nach den besseren Brotsorten. Sie besaßen einen Anteil von 25 Pro­zent am gesamten Brotver­brauch, das pan español kam auf 50 Prozent, während die rest­li­chen 25 Prozent auf das pan de morenas, das Brot für die Ar­men, entfielen176.

Der Preisanstieg für Getreide während der Regierungszeit Karls III. läßt sich auch anhand der von Hamilton als sehr präzise qualifizierten Indices verfolgen177. Für die Daten zum Zeit­raum 1751 bis 1800 legte er als Basis die Jahre 1726 bis 1750 zugrunde: Bei diesem Ansatz stiegen in Neukastilien die Preise zwischen 1751 und 1755 auf die Indexzahl 151,2, fielen im nachfolgen­den Jahrfünft auf 101,8, um danach kontinuierlich, wenn auch in Sprüngen nach oben zu klettern: 1761 bis 1765 auf 148,2, 1766 bis 1770 auf 171,8, 1771 bis 1775 auf 155,3, 1776 bis 1780 auf 154,7, 1781 bis 1785 auf 166,4 und 1786 bis 1790 auf 190,7; 1791 bis 1795 kletterten sie auf 200,7 und erreichten von 1795 bis 1800 den Höchstpunkt 239. Inwieweit sich ausgewirkt hat, daß am 28. August 1765 der freie Getreidehandel zugelassen worden war, von 1769 bis 1783 wieder unterbunden, bis 1787 abermals zugelassen und dann erneut ver­boten wurde178, braucht hier nicht berücksichtigt zu werden179. Auch erscheint nicht not­wen­dig, alle Preisauf- und Ab­schwünge im einzelnen anzuführen, weil die Stadt­verwaltung Rückwirkungen auf die Brotpreise für die sozial Schwachen meist rechtzeitig ab­zufangen verstand.

Die jährlichen Preisschwankungen beim Getreide180 bargen sozialen Sprengstoff und konnten politisch bedrohlich werden. Insgesamt verteuerten sich die Weizenpreise innerhalb von knapp zehn Jahren um das Fünf­fa­che181. Vor allem Mißernten führten zu Krisenjahren unter­schiedlichen Ausmaßes182, so 1754, 1762 bis 1767, 1768 bis 1770, 1773, 1779 bis 1780 und ab 1785, be­sonders 1788 bis 1790 und dann 1798. Zwi­schen 1770 und 1774 litt fast ganz Eu­ropa unter Hungersnot. Als Gründe für die sich ständig wiederholenden Preisanstiege des Getreides wurden auch der Mangel an öffentli­chen Magazinen auf dem Lande und weiterhin in Städten sowie die Existenz von Mono­polen angesehen. Begründet sahen Zeitgenossen die Teuerun­gen aber außerdem darin, daß schon seit Jahr­zehn­ten bei allen Spaniern die Gewohn­heit ein­gerissen sei, sog. schwarzes Brot aus Roggen abzulehnen183.

Die Mißernten und die erhöhte Nachfrage nach Lebensmitteln infolge der Bevölkerungsver­mehrung184 führten unter Karl III. nicht zu erhöhter Mortalität, auch nicht die Brotkrise im Zusammenhang mit den sozialen Unru­hen von 1766 gegen die Reformen des Marqués de Esquilache185. Die Madrider Aufständischen forderten, daß die Kosten für ein Brot bei einem fanega-Preis von 1.054 mara­vedíes von 14 auf 8 cuartos und für alle Lebensmittel um 2 cuartos her­abge­setzt werden sollten; zu­vor war der Brotpreis inner­halb eines Monats zwei­mal um 2 cuartos erhöht wor­den186. Die königliche Regierung gab beim Brotpreis nach. In diesem Zu­sammenhang wurden verstärkt städtische Getreide­speicher zur Abgabe billigen Mehls in Notzeiten eingerich­tet187. Über kommunale Bäckereien wurde Brot zu stark subven­tionierten Preisen verkauft.

Townsend188 notierte 1786 für Weizen­brot, das bei seiner Ankunft 4 ½ cuartos gekostet hatte, daß beim ‚normalen‘ Bäcker 6 ½ cuartos zu bezahlen seien. So teuer war Brot auch im Fe­bruar 1787. Zur gleichen Zeit betrug der Brotpreis im neukastilischen Toledo 5 cuartos, der gleiche Preis wurde im altkastilischen Valladolid und 1787 im andalusischen Málaga gefor­dert, während 1787 in Granada nur 4 ½ cuartos zu zahlen waren. Noch billiger war Brot in León inmitten der altkastilischen Getreideanbaugebiete, wo ein Weizenbrot 4 und ein Rog­genmischbrot nur 2 ½ cuartos kostete. Teuerer war 1787 Brot mit 7 cuartos in Cádiz, auf dem Lande wurden sogar 8 cuartos verlangt, und in Sevilla mußten für 3 libras 17 bis 18 cuartos aufgebracht werden, also knapp 6 für den Laib. Der Brotpreis schwankte demnach in Spanien offenbar zwischen 3 und 8 cuartos. Karl IV. (1788-1808) begegnete 1788/89 einer Lebens­mittelkrise, die zu erhöhter Mortalität führte189, indem er sofort den Abga­bepreis der Bäcke­reien für 'gerin­ge­res' Brot durch Subvention herunter­setzen ließ: Die Bäcker erhielten als Ausgleich einen monatlichen Ersatz von 6.000 reales190.

­Wie die Kosten für die Grundernährung regional unterschied­lich schwankten, zeigen die Da­ten bei Hamilton, Larruga und Herr191 oder die Studien von Anes über das Preis­gefüge von Weizen und Öl während der Regierungszeit Karl IV.192 bzw. über die Getreidespeicher193.

Benötigt wurde Brot besonders für eine soziale Schicht, deren weitere Nahrung oft nur aus cocido bestand194. Während Brot steuerfrei war, wurden Bestandteile des cocido - Öl, Fleisch und Essig ebenso wie Wein und Tabak - besteu­ert195. Olivenöl mußte nach Madrid herange­führt werden, wobei die Erzeuger­preise Andalusi­ens von 11 bzw. 15 reales für die arroba den Madri­dern nicht zur Ver­fügung standen, sie vielmehr auf Preise ver­wiesen waren, wie sie in der Pro­vinz To­ledo mit 21 reales gefordert wurden196. Der Preis für den Endver­braucher be­trug ohne Berücksichtigung von Handelsspannen und anderwei­tigen Zu­satzbela­stungen für die libra mit etwas weniger als 1.6 Kilogramm in Málaga mindestens 29 maravedíes. Madrid aber war angewiesen auf Anlieferungen, beispielsweise aus Toledo. Dort wurden 21 reales oder mindestens 714 ma­ravedíes für die arroba als Erzeugerpreise be­nannt197. Dement­spre­chend höher waren die Preise in der Hauptstadt. Sie unterlagen außerdem starken ernte­be­dingten Veränderungen. Die niedrigsten Kosten beliefen sich in den Jah­ren 1753 auf 765, 1759/60 auf 748 und zuletzt 1767 auf 799 maravedíes. Im Jahre 1754 war der Preis erstmals auf 1.109 maravedíes angestie­gen, bewegte sich ab 1758 in Preisla­gen unter 1.000 marave­díes, schnellte 1765/1766 von 952 auf 1.487 hoch und erreichte 1772 einen ersten Höchst­stand von 1.530 maravedíes. Damit hatte er sich im Ver­gleich zu 1759/60 mehr als verdop­pelt. In den nachfolgenden Jah­ren schwankte die Kosten für die arroba zwi­schen 1.071 (1778) und 1.649 (1785) marave­díes.

Für die Lebenshaltungskosten von Bedeutung waren auch die erhebli­chen Preis­unterschiede bei den Kichererbsen. Wäh­rend in Guadalix de la Sierra, einem Ort in der Pro­vinz Guadala­jara, eine arroba mit 8 reales bewertet wurde, in anderen andalu­si­schen Gemeinden die fa­nega zwischen 25 und 15 reales ko­stete, betrug ihr Preis in Guadalajara 40 reales, in Guada­lupe sogar 50 reales, in Segovia 34 reales, in Toledo und an­deren kasti­lischen Orten um die 30 reales198, 1789 in Málaga 68 reales199. Die Marktabhängigkeit offenbart sich noch deutli­cher in der Madrider Preisdif­ferenz von 448 ma­ravedíes im Jahre 1760 bis zu 1.001 mara­vedíes im Jahre 1785 bzw. 1.020 im Jahre 1790. Der Preis hatte 1752 bei 895 maravedíes gestanden. Dieses Grund­nahrungsmittel erfuhr demnach zwischen 1760 und 1785 eine Preis­steigerung von mehr als einhundert Prozent.

Der Preis für die libra fettes Schweinefleisch oder Speck variierte zwischen 72 maravedíes für 1751, 52 für 1759 und 107 für 1788200. Daß sich im übri­gen Fleisch kaum auf dem Speise­zettel der unteren Schichten gefunden ha­ben wird, verdeutli­chen die Notizen von Townsend201: 1786 kostete in Madrid die libra Rind- oder Kalbfleisch 10 cuartos, ge­stiegen einige Zeit später auf 14 bzw. 13, in Toledo nur 8, 1787 in Málaga 12 und in Granada 19. Auch beim Hammelfleisch wurden in Madrid 12 cuartos bezahlt, gestiegen dann auf 15, in Toledo jedoch nur 11, 1787 in Málaga 14 und in Granada 23, während in den umliegenden Dörfern nur 12 cuartos verlangt wurden, für Schweinefleisch 20 cuartos.

Nicht viel geringer waren die innerspanischen Spannen beim Wein. In Madrid kostete 1751 die cántara Wein 94 maravedíes. Ihr Preis schwankte in den folgende Jahrzehnten zwischen 80 (1771) und 114 (1786) maravedíes, über mehrere Jahre (1755, 1757, 1758, 1765, 1766, 1784) betrug er 114 maravedíes. Der durchschnittliche Wein­preis lag in Madrid bei 100 ma­ravedíes202. Daß für 1 Quartillo bzw. ½ azumbre Wein durchschnittlich 8 cuartos zu be­zahlen waren, ist interessant, weil der Besuch einer der 1797 in Ma­drid vorhandenen 481 Tavernen oder 45 ‚Erfrischungshallen‘ (botillería) vielleicht neben dem Kartenspiel die Frei­zeitbe­schäftigung war, die sich Unterschichtenangehörige noch leisten konnten, während die beiden eigentlichen Vergnügen eines Madriders, der Stierkampf und das Theater, ihnen schon aus Kostengründen weitgehend verschlossen geblieben sein dürf­ten203.

In der Auflistung der Preise von 99 Produkten auf dem Markt in Neukastilien204 finden sich in überwiegender Mehrzahl Waren, deren Erwerb dem Unterschichtenangehörigen aus finan­ziellen Gründen weitestgehend verschlossen war. Daher wird hier nur auf sie verwiesen. Daten zu den Kosten anderer Waren und Warengruppen vermittelt Larruga, die im Kontext der Fragestel­lung ebenfalls nicht aufgenommen werden205.

Um die Kauf- und Verbrauchsmöglichkeiten von Unterschichtenangehörigen im Bereich der Grundnahrungsmittel zu erschließen, müssen die Preise in Relation zu deren Einkommen ge­sehen werden. Die Analyse ergibt, daß sich der Brotverbrauch je Kopf und Tag erhöhte, je geringer das tägliche Einkommen war. Eine amtliche Befragung um 1767/68 ergab, daß in ei­ner Bäckerei, in der Backwaren erster Qualität erzeugt wurden, von den Gesellen und Hilfs­kräften (criados) mit einem Verdienst von durchschnittlich täglich 7 reales pro Tag und Kopf im Verlauf von drei Mahlzeiten knapp ein pan de dos libras gegessen wurde, dagegen in einer Bäckerei für pan comun mit einem täglichen Lohn der Mitarbeiter von 5 reales der Brotver­zehr über den Umfang von einem pan grande hinausging206. Im Falle der verglichenen zwei Bäckereien wurden in der ersteren außerdem täglich pro Person dem cocido madrileño etwas mehr als eine halbe libra Rindfleisch, 60 Gramm Speck und etwas Gemüse der Tagesration von 100 Gramm Kichererbsen zugegeben; in der zweiten Bäckerei stieg die Kichererbsen­menge auf etwa eine halbe libra, Gemüse entfiel, die Rindfleischportion betrug nur eine halbe libra und die an Speck 70 Gramm. Es wurden also mehr Brot und Kichererbsen verbraucht, dagegen nahm der Anteil an Fleisch ab, je knapper der Tageslohn war. Hier aber von einem Prototyp in der Ernährung der clases popula­res zu sprechen207, erscheint unzutreffend. Die Gesellen und Mitarbeiter im Arbeitsverhältnis zu einer Bäckerei von Brot erster Qualität sind der mittleren Schicht der Handwerker zuzu­ordnen, während die Mitarbeiter bei der Fabrika­tion von Backwaren zweiter und minderer Qualität bereits der Gruppe der unteren Einkom­mensstufen zugeordnet werden müssen. Al­lerdings ist wohl zu berücksichtigen, daß ihr Ar­beitsjahr mehr Arbeitstage umfaßt haben wird als das normaler Handwerker und Tagelöhner. Wer zu denjenigen gehörte, die nach den Be­rechnungen von Ringrose208 als Meister jährlich nur 1.080 bis 1.800 reales, als Gesellen zwi­schen 540 und 1.700 reales, als Gehilfen (man­cebo) zwischen 720 und 1.080 reales, als ausgelernter Lehrling (mesero) zwi­schen 720 und 900 reales und als Lehrling zwischen 360 und 720 reales ver­dienten, wird auf einen noch höheren täglichen Brotbedarf als die Bäckereimitarbeiter der zweiten Kategorie angewiesen gewesen sein, zu­gleich qualitätsärmere warme Mahlzeiten ein­genommen haben. Sie über­schritten wahr­scheinlich bei weitem die von der Stadtverwal­tung berechnete Tagesra­tion an Brot, verblieben dagegen ebenso weit unter der statistisch errechneten Tages­menge von 230 Gramm, also einer halben libra Fleisch je Einwohner am Tage209.

In Madrid wurden Hammel-, Rind- und Schweinefleisch verzehrt. Im Vergleich zu anderen Städten und Regionen hatten die Madrider zwar den höchsten pro-Kopf-Verbrauch a